Die vier Ursachen
Sie haben weder dieselben Folgen noch dieselbe Behandlung. Ein niedriger Preis kann aus Irrtum, Auslassung oder Strategie folgen.
Der Fehler. Das Unternehmen hat sich verkalkuliert, bei einer Menge, einer Einheit oder einer Übertragung.
Die Auslassung. Das Unternehmen hat eine Leistung nicht bepreist, weil es sie nicht gesehen oder verstanden hat.
Die einschränkende Auslegung. Das Unternehmen hat eine geringere Leistung bepreist als erwartet, gestützt auf eine mehrdeutige Formulierung.
Die Geschäftsstrategie. Das Unternehmen hat seine Marge bewusst gesenkt, aus eigenen Gründen.
Nur die vierte ist für den Bauherrn eine gute Nachricht. Die drei anderen erzeugen während der Bauausführung eine Forderung oder einen Streit.
| Ursache | Anhaltspunkt | Behandlung |
|---|---|---|
| Rechenfehler | Vereinzelte Abweichung bei einer Position | Schriftliche Aufklärung verlangen |
| Ausgelassene Leistung | Fehlende oder zu gering angesetzte Position | Prüfung des Umfangs |
| Abweichende Annahme | Stimmiger Preis auf anderer Basis | Rückführung auf gemeinsame Basis |
| Geschäftsstrategie | Insgesamt stimmiger niedriger Preis | Prüfung der Leistungsfähigkeit |
Ihre Unterscheidung
Vier Anhaltspunkte, in der Prüfreihenfolge. Sie zeigen eine vor der Vergabe zu prüfende Abweichung an.
Die rechnerische Prüfung deckt Übertragungs- oder Multiplikationsfehler auf.
Die Vollständigkeitsprüfung deckt die Auslassung auf, indem geprüft wird, ob alle Positionen bepreist sind.
Der positionsweise Vergleich deckt die einschränkende Auslegung auf: die Abweichung bündelt sich auf wenige Positionen, statt sich zu verteilen.
Die Klärungsanfrage entscheidet zwischen den ersten drei Ursachen und der vierten.
Eine gleichmäßig über alle Positionen verteilte Abweichung deutet auf Geschäftsstrategie; eine gebündelte Abweichung auf Fehler oder Auslassung.
Was eine Abweichung auf Positionsebene offenbart
Drei nicht zu verwechselnde Konstellationen. Sie trennen den Rechenfehler vom aggressiven Angebot.
Ein Unternehmen deutlich unter den anderen bei einer Position deutet meist auf eine Auslassung oder einschränkende Auslegung seinerseits.
Ein Unternehmen deutlich darüber bei einer Position kann darauf hindeuten, dass es eine Anforderung verstanden hat, die die anderen übersehen haben, was die Lesart umkehrt.
Alle Unternehmen abweichend bei derselben Position stellt die Formulierung der Position infrage, nicht die Unternehmen.
Die zweite Konstellation wird am schlechtesten ausgelegt: das bei einer Position teuerste Angebot ist mitunter das einzige, das die Leistung verstanden hat.
Das gebotene Verhalten
Vier Punkte.
Eine schriftliche Klärung anfordern, unter genauer Benennung der Position.
Die Preise der Wettbewerber nicht offenlegen, was die Ausschreibung verfälschen und bei öffentlichen Aufträgen rechtswidrig wäre.
Den Umfang bestätigen lassen, nicht den Preis. Die nützliche Frage lautet nicht, warum es niedrig ist, sondern was enthalten ist.
Die Antwort dokumentieren, die bei späterem Streit zum Auslegungselement des Vertrags wird.
Bei öffentlichen Aufträgen unterliegt die Prüfung ungewöhnlich niedriger Angebote eigenen Regeln, die anhand der anwendbaren Regelung zu prüfen sind.
Das Risiko der Vergabe an den Billigsten
Drei Folgen, wenn die Abweichung aus einer der ersten drei Ursachen stammt. Sie zeigen sich im Verlauf der Bauzeit.
Die Zusatzarbeiten, die den tatsächlichen Preis während der Bauausführung wiederherstellen, behandelt im Beitrag über die Zusatzarbeiten.
Ausführungsspannungen, da ein wirtschaftlich bedrängtes Unternehmen nicht unter guten Bedingungen ausführt.
Der Ausfall, in Extremfällen, mit den entsprechenden Zeit- und Kostenfolgen.
Diese drei Risiken lesen sich nicht im Betrag, sondern in der Auswertung der Abweichungen.
Was dies für Fachleute bedeutet
Vier Regeln.
Eine große Abweichung als Frage behandeln, nicht als Glücksfall.
Die Abweichung positionsweise verorten, bevor geschlossen wird.
Den Umfang statt des Preises hinterfragen in der Klärungsanfrage.
Dem Bauherrn das verbundene Risiko benennen, statt den Betrag allein entscheiden zu lassen.
Dieser Beitrag stellt eine Methode der fachlichen Orientierung dar. Er stellt keine Rechtsberatung dar.